Bundestagung / Podiumsdiskussion 23.11.2018, „Die Kinderkrankenpflegedienste sind am Limit! Wir müssen schnell handeln.“

Gesetzliche Vorgaben für die Kinderkrankenpflege könnten noch in dieser Legislaturperiode erfolgen

20 Jahre Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege – Rückblick auf die Podiumsdiskussion anlässlich der Bundestagung in Berlin

Dresden, 28.11.2018. Wie notwendig qualifizierte Pflegefachkräfte sind, weiß Samuel Koch aus eigener Erfahrung. „Not wird von Menschen gewendet, die helfen. Danke für all‘ Ihre Pflegearbeit!“, sagte der Schauspieler und Autor in seiner Eröffnungsrede zur Jubiläumstagung des Bundesverbandes Häusliche Kinderkrankenpflege e. V. (BHK) im Berliner Quadriga Forum am vergangenen Freitag, 23. November 2018. Er erfahre beispielsweise auch bei seinen Besuchen in Kinderhospizen immer wieder, dass dort Plätze zur Verfügung ständen, aber einfach nicht belegt werden könnten: „Leider fehlt es an ausreichendem und ausreichend qualifiziertem Personal in der Kinderkrankenpflege!“

Sicherlich macht die ambulante Kinderkrankenpflege nur einen kleinen Teil der Pflege in Deutschland aus. Aber der herrschende Pflegenotstand betrifft im besonderen Maße auch die schwerkranken Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien. Dieser sowie eine gesicherte qualifizierte Ausbildung zur Kinderkrankenpflegekraft, eine leistungsgerechte Vergütung und die Strukturen im Gesundheitssystem waren auch in der anschließenden Podiumsdiskussion die wichtigsten Themen für die mehr als 90 Besucher aus ambulanten Kinderkrankenpflegediensten und außerklinischen stationären und teilstationären Einrichtungen für Kinder mit schweren Erkrankungen. Die Diskussionsrunde moderierte Lukas Sander, Chefredakteur der Zeitschrift „Häusliche Pflege“ des Vincentz-Verlages.

So verwies der Staatssekretär und Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, Andreas Westerfellhaus, darauf, dass für die generalisierte Pflegeausbildung erst noch der Rahmenlehrplan mit den Inhalten ausgestaltet werden müsse. Deren Ziel sei eine qualifizierte theoretische wie praktische Ausbildung auch für die Kinderkrankenpflege, an die sich weitere Qualifizierungen anschließen müssten. Die Qualifizierung werde bereits in der Vergütung von Pflegeleistungen berücksichtigt, erklärte Gerd Kukla, Referatsleiter Leistungsrecht/Rehabilitation/Selbsthilfe des Gesetzlichen Krankenversicherung-Spitzenverbandes.

„Für eine Pflegefachkraft alleine ist die häusliche Kinderkrankenpflege eine riesengroße fachliche und ethische Herausforderung, die ein Wissen um Familiensysteme wie auch psychologische Themen mit einschließe“, erklärte Heike Witte. Diese Aufgabe könne eine junge Pflegefachkraft nach der dreijährigen Fachausbildung in der Kinderkrankenpflege kaum alleine leisten, sagte die Geschäftsführerin der „Ambulanten Kinderkrankenpflege Krank und Klein – bleib daheim GmbH“. „Außerdem reichen die bisherige Vergütung und damit die finanziellen Mitteln in den Diensten nicht aus, um Mitarbeiter in der Kinderintensivkrankenpflege in ausreichendem Maße in Weiterqualifizierungen zu schicken.“

Die Qualität in der ambulanten Kinderkrankenpflege sowie eine angemessene Vergütung standen für alle Diskussionsteilnehmer an erster Stelle. Doch über den Weg dahin sowie die Bewertung der dafür vorhandenen Strukturen und Instrumente schieden sich die Geister.

Während Christiane Lehmacher-Dubberke, Referentin in der Abteilung Pflege im AOK Bundesverband, die Schiedsverfahren als adäquates Instrument zur Klärung von strittigen Stundenvergütungen sah, verwies die BHK-Geschäftsführerin Corinne Ruser darauf, dass diese sehr viel Zeit sowie Geld in Anspruch nehmen und die Pflegedienste aufgrund der Länge der Verfahren auch an existenzielle Grenzen bringen.

„Vor Ort ist es für die Familien sehr dramatisch, diese langwierigen Schiedsverfahren auszuhalten“, kritisierte auch Domenique Geiseler vom Vorstand des INTENSIVkinder e. V., selbst Mutter einer zu pflegenden Tochter. Denn solange die Vergütung für intensivpflegerische Leistungen mit den Krankenkassen unklar ist, die Vergütungs- und Schiedsverfahren noch laufen, können die ambulanten Kinderpflegedienste die Versorgung nicht aufnehmen. Der gesetzliche Rahmen müsse so gesetzt werden, dass es hier schnellere Lösungen für Pflegedienste gebe, forderte Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflegepolitik von Bündnis 90/Die Grünen.

Der Riesenreformstau in der Pflege sei aufgelöst, sagte Erwin Rüddel, Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit im Bund (CDU): „Ein bis zwei Pflegegesetze wird es in dieser Legislaturperiode noch geben, bei denen es auch um die Kinderkrankenpflege gehen könnte. Für alle Pflegedienste muss es klar formulierte, festgeschriebene Parameter geben, nach denen die Pflegedienste fest vergütet werden müssen. Ich bin außerdem felsenfest davon überzeugt, dass wir mehr Spezialisierung in der Pflege brauchen.“ Die Generalistik in der Ausbildung sei nicht der zielführendste Weg, den wir in fünf bis sechs Jahren wieder diskutieren werden, so Rüddel.

„Wir halten dieses System schon so lange aus, das uns an unsere Grenzen bringt“, erklärte Heike Witte zum Abschluss der Diskussionsrunde. „Wir gehen Schiedsverfahren an, obwohl wir sie uns kaum leisten können. Wir sorgen uns um unsere Mitarbeiter. Wir haben mittlerweile Wartelisten für kranke Kinder, die erst einmal in den Kliniken bleiben müssen. Wir müssen schnell handeln, denn es ist die Realität, dass die Pflegedienste am Limit sind!“

Um einen Kollaps der ambulanten Kinderkrankenpflege flächendeckend zu vermeiden, fordert der Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege seit langem:

  • Die außerklinische Kinderkrankenpflege braucht spezifisch für die Pflege von Kindern aus- und kontinuierlich weitergebildetes Pflegefachpersonal.
  • Die außerklinische Kinderkrankenpflege braucht eine eigene gesetzliche Verankerung
  • Die Einrichtungen der außerklinischen Kinderkrankenpflege brauchen eigene Rahmenvereinbarungen, die die Besonderheiten der Kinderkrankenpflege aufgreifen.

Der neu gewählte BHK-Vorstand, zu dem neben Markus Zobel, Kerstin Mollenhauer und Stephanie Müller jetzt auch Andrea Treptow-Scherf und Dr. Alexander Schwandt gehören, wird weiterhin in Gesprächen mit Politikern seine Forderungen stellen, um gesetzliche Verankerungen sowie Sicherheit für die häusliche Kinderkrankenpflege zu erreichen.

 

© Kerstin Mollenhauer/BHK

Die Qualität in der ambulanten Kinderkrankenpflege sowie deren Vergütung waren zwei der großen Themen der BHK-Podiumsdiskussion, zu denen Lukas Sander, Chefredakteur der Fachzeitschrift „ Häusliche Pflege“ (von links), unter anderem Domenique Geiseler vom Vorstand des INTENSIVkinder e. V., Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär und Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, und Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflegepolitik von Bündnis 90/Die Grünen befragte.

Informationen:

Corinne Ruser
Geschäftsführerin
Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege e.V.

Tel: 0351/ 65289235
Mail: info@bhkev.de
Web: www.bhkev.de

Der Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege e.V. ist eine Organisation der Einrichtungen und Dienste der ambulanten sowie außerklinischen teilstationären und stationären Kinderkrankenpflege sowie der sonstigen Einrichtungen und Dienste, die Kinder und Jugendliche mit chronischen, schwer- und schwersten Erkrankungen und Behinderungen ambulant und/oder außerklinisch teilstationär und/oder stationär versorgen und betreuen.

Er ist der berufliche, politische und soziale Interessenvertreter seiner Mitglieder in Gesetzgebungsverfahren, gegenüber Kostenträgern und sonstigen Entscheidungsträgern sowie gegenüber der Politik und Öffentlichkeit.

Der BHK setzt sich für die Verbesserung und Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit schweren Erkrankungen und Behinderungen sowie ihrer Familien und sonstigen Bezugspersonen ein.

Pressemitteilung vom 28.11.2018: BHK Kinderkrankenpflegedienste sind am Limit!

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